This is a German version of an interview first published by OhMyNews International and reproduced by Readers Edition

Interview – Brasilianische Journalisten unterstützen Bürgerjournalismus

Artikel von Antonio Carlos Rix [http://www.readers-edition.de/autor?user_id=Antonio%20Carlos%20Rix]

Ana Carmen Foschini ist eine professionelle brasilianische Journalistin, die ein waches Auge auf den Bürgerjournalismus wirft. Sie und ihr Freund Roberto Romano Taddei, ebenfalls Journalist, haben zusammen vier Bücher zu dem Thema veröffentlicht.

Während einer Recherche zu dem Artikel OhmyNews Opens Research into Global Citizen Journalism, stieß ich auf Ms. Foschini und ihre Arbeit über partizipative Medien, die sie zusammen mit Mr. Taddei verfasst hat.

In diesem Interview spricht sie über Blogs, Podcats, Flogs /Vlogs und Bürgerjournalismus. Ihre gesamte Arbeit ist unter dem Titel „Conquiste a Rede“ („Erobere das Netz“) zusammengefasst und auf ihrer Website anacarmen.com publiziert – wunderbares Material, für alle, die Portugiesisch können.

Frau Foschini, können Sie unseren Lesern etwas von sich und Ihrer Arbeit erzählen?

Seit zwanzig Jahren interessiere ich mich, sowohl ganz generell als auch aus beruflichen Gründen, für Kommunikation; ich war immer an neuen Technologien und neuen Ideen interessiert. Bei vielen neuen Projekten war ich von Anfang an dabei, wie z.B. bei der Gründung von MTV Brasilien, wo ich als Produktionsleiterin arbeitete. Ich habe als Radio- und Fernsehproduzentin gearbeitet und als Reporterin und Redakteurin für Zeitungen und Magazine.

In den letzten acht Jahren habe ich viel Zeit und Aufmerksamkeit in Web-Projekte gesteckt; im Augenblick arbeite ich als Redakteurin für eine Zeitung in Sao Paulo, Metro, die Teil einer internationalen Mediengruppe ist, die sich gerade erst in Brasilien etabliert.

Wie kam es, dass Sie sich für Bürgerjournalismus interessierten, und weshalb haben Sie beschlossen, darüber zu schreiben?

Roberto Taddei und ich sprachen im August 2005 zum ersten Mal über Bürgerjournalismus. Wir beschlossen, kurze Einführungen in die virtuelle Welt zu schreiben, die Anfängern erklärten, wie man Blogs, Videoblogs, Fotoblogs und Nachrichten verfasst. Wir wollten allerdings keine technischen Tutorien geben; wir glauben daran, dass diese Mittel eine kostengünstige Möglichkeit bieten, zu kommunizieren, Meinungen zu verbreiten und auszutauschen; man braucht nicht viel Geld, um sein eigenes Kommunikationsmittel zu kreieren. Sie gestatten einen anderen Blickwinkel und kosten viel weniger als gewöhnliche Radio- oder Fernsehsendungen.

Man braucht nur das Wissen. Das Wissen macht den großen Unterschied, wenn man die Mittel des Netzes zur Veröffentlichung nutzen möchte.

Als professionelle Journalisten verfügen Roberto und ich über dieses Wissen. Wir haben beschlossen, es weiterzugeben, weil wir der Meinung sind, dass sich so das berufliche und private Leben von vielen ändern kann, die keinen Zugang zu guten Schulen oder zu Büchern haben. Zudem gibt es sehr viele Menschen, die kein Englisch sprechen, und es gab bislang nichts zum Thema auf Portugiesisch.

Brasilien ist ein Land voller Gegensätze: Auf der einen Seite, und das trifft für den Großteil der Bevölkerung zu, finden sich Armut, sozialer Ausschluss und Lebensumstände, die vielen keine Zukunft bieten. Auf der anderen Seite sind jene Brasilianer, die eine Ausbildung haben, ausgesprochen fleißige Internetuser, die sich sehr gerne und viel über das Netz austauschen und kommunizieren.

Wir haben beschlossen, diese zwei Welten einander näher zu bringen, indem wir kurze Bücher schrieben, die als Unterstützung für die Entwicklung von digitalen Projekten dienen. Sie gehören auch zur Bibliographie portugiesischer Journalismuskurse.

Wie wurde auf Ihre Idee und auf ihre Bücher reagiert?

Alle vier Titel unserer Sammlung “Erobere das Netz” sind unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Sie sind inzwischen auch abrufbar bei der Agencia Brasil, der staatlichen Nachrichtenagentur, bei Overmundo und CreativeCommons Brasil.

Journalismusstudenten und –doktoranden in Brasilien und Portugal, wo „Erobere das Netz“ in akademischen Arbeiten zitiert wird, lesen die Bücher. In weniger als einem Jahr nach Erscheinen sind die Bücher sowohl in Blog- als auch in akademischen Verbänden bekannt. Ich finde, das ist ein vielversprechender Anfang.

Glauben Sie, dass in Brasilien professionelle Journalisten den Bürgerjournalismus als problematisch empfinden?

Ersteinmal wissen die meisten brasilianischen Journalisten nicht, was Bürgerjournalismus ist. Es gibt riesige Missverständnisse, die durch den Begriff “Citizen” in “Citizenjournalism” entstehen. Einige Journalisten halten Bürgerjournalismus für etwas, das ausschließlich mit dem Staat zu tun hat, was natürlich eine Einschränkung bedeutete. Ich denke als Bedrohung wird Bürgerjournalismus nicht verstanden, vielleicht, weil er von professionellen Journalisten nicht ernst genommen wird, vielleicht, weil Bürgerjournalismus in Brasilien noch keine große Bedeutung hat.

Die meisten professionellen Medien verstehen Bürgerjournalismus als etwas, das ein Portal, eine Website oder eine Nachrichten Site integrieren sollte, um sich zu erneuern. Ich begegne Studenten und Medienwissenschaftlern, die wesentlich aufmerksamer auf die Vertrauenswürdigkeit von Inhalten, Informationen und Ähnlichem blicken als professionelle Journalisten.

Gibt es in Brasilien wirklichen Bürgerjournalismus? Warum?

Ich erkenne Bürgerjournalismus in brasilianischen Blogs, die sehr lebendig und voll exklusiven Inhalts sind. Blogs bringen Informationen und Stimmen aus einer anderen Perspektive als die gewöhnlichen Nachrichten.
Etwas wie brasilianische OhmyNews gibt es nicht; am dichtesten dran kommt Overmundo, ein Kooperationsobjekt, das von Petrobras (einer staatlichen Ölfirma) und dem Kulturministerium gesponsert wird.

“FotoReporter” und “Eu-Reporter” ["Ich-Reporter", Anm. der Red.] waren beides Themen, denen auf OhmyNews mit großem Interesse begegnet wurde. Wie stehen Sie zu diesen beiden Informationsformen und ihrem Bürgerjournalismus-Anspruch?

Nunja, FotoReporter und Eu-Reporter waren beide Teil von traditionellen Nachrichten Websites. Ich sehe sie als Teil des Versuchs, die Internetpräsenz von Zeitungen ein wenig aufzulockern. Der Fokus dieser Seiten liegt weiterhin auf den klassischen Nachrichten, nicht auf dem Bürgerjournalismus. Dennoch sehe ich sie als einen Beitrag, als eine Saat, aus der später Größeres entwickelt werden kann. In beiden Projekten wird deutlich, dass es viel einfacher ist, Schnappschüsse zu veröffentlichen als Artikel. Daher sind in beiden Initiativen die Bilder das Interessante.

Wer ragt im brasilianischen Bürgerjournalismus heutzutage heraus?

Neben der brasilianischen Blogosphäre würde ich Overmundo nennen.
Wie gesagt, in Brasilien findet sich der Bürgerjournalismus in den Blogs.

Wenn man Seiten wie Orkut besucht, eine der beliebtesten des Landes, wird deutlich, wie gern Brasilianer schreiben und kommunizieren. Wie schätzen Sie die Zukunft des Bürgerjournalismus’ in Brasilien ein?

Brasilianische Internetstatistiken sind faszinierend, weil, obwohl eine riesige Menge an Menschen keinen Zugang zum Netz hat, Brasilien in einigen Aspekten weltweit ganz vorn liegt. Den Zahlen des Ibope Net Ratings zufolge ist Brasilien das Land, in dem am meisten Zeit im Monat von zu Hause aus gesurft wird – 20 Stunden und 4 Minuten im November 2006. Brasilien lag damit vor Frankreich, den USA und Spanien.

Diese Statistiken weisen auf ein Land hin, das verrückt ist nach den Möglichkeiten des Webs, wie Kommunikation, Communities, und Sofortnachrichten. Ich halte das für eine wunderbare Grundlage für den Bürgerjournalismus. Die größte Herausforderung, neben der Tatsache, dass viele keinen Netzzugang besitzen, wird es sein, für eine wenig ausgebildete Bevölkerung zu schreiben und Ideen zu entwickeln.

Was wäre Ihre Nachricht an unsere Leser?

Zusammenarbeit ist eine außergewöhnliche Erfahrung, die zu geistigem, intellektuellem, professionellem und persönlichem Wachstum führt. Durch Bürgerjournalismus werden kulturelle Unterschiede und geographische Entfernungen überwunden – durch Zusammenarbeit. Ich glaube, wir sind dabei Zeugen zu werden von etwas Neuem, Frischem. Ich hoffe, wir nehmen alle aktiv an seiner Ausbreitung teil.

Dieses Interview erschien zuerst auf OhmyNews. Veröffentlichung und Übersetzung durch die Readers Edition mit Genehmigung von OhmyNews.